Darf man Tesla unterstützen?

Darf man Tesla weiterhin unterstützen und die Autos des Unternehmens kaufen?

Da aufgrund der Berichterstattung zu den „Tesla Files“ vom Handelsblatt das Netz – mal wieder – mit Häme und Spott über die angeblichen schlechten Autos geflutet wird, möchte ich hiermit einmal einige persönliche Erfahrungen teilen, die ich seit vier Jahren als Tesla Kunde gemacht habe. Ist wirklich alles so schlecht?

👉 „Autopilot Problem“

Man muss bei der ganzen Sache unterscheiden zwischen dem „Standard Autopilot“ und dem „Full Self Drive“:

Es stimmt, dass Kunden zu Recht verärgert sind, wenn sie das Softwarepaket „Full Self Drive / Potenzial für autonomes Fahren“ für mehrere Tausend Euro gekauft haben. Hier haben Elon Musk und Tesla immer wieder zu viel versprochen und Jahr für Jahr suggeriert, dass das autonome Fahren in Kürze kommen wird. Wenn man den aufpreispflichtigen „vollen“ Autopiloten gekauft hat, darf man sich ärgern … und zwar zu Recht!

Aber – in Europa haben die wenigsten Kunden dieses Paket gekauft, sondern haben in ihren Teslas den „Standard Autopiloten“ und dieser funktioniert meines Erachtens nach sehr gut (dazu gleich mehr …).

Auch wenn immer wieder „zu viel“ von Tesla versprochen wurde, sehe ich für die nahe Zukunft ein großes Potenzial beim Autopiloten. Schaut man sich die vielen Videos der Beta Tester aus den USA an und sieht, wie die Autos oftmals stundenlang ohne Eingriff des Fahrers durch komplexe Städte und Landschaften fahren, ist dies beeindruckend und ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Entwicklung im Sande verlaufen wird. Aber schauen wir einfach mal was so kommt.

Für das „normale Fahren“ in Deutschland hat es derzeit sowieso keine Bewandtnis, denn das aktuelle, „kostenlose“ Assistenzsystem funktioniert gut:

Ich bin vier Jahre Model 3 (mit Radar) gefahren und jetzt seit sechs Monaten Model Y (ohne Radar, nur mit Kamerasystem). Das Model 3 war damals schon sehr gut. Je nach Softwarestand hatte ich höchstens mal eine Zeit lang einige sogenannte Phantombremsungen. Diese sind allerdings nach einem Update wieder verschwunden. Davor hatte ich einen Volvo der neuesten Generation, der „Autopilot“ dort war nicht besser!

Beim Model Y ist das kamerabasierte System nahezu perfekt. Als ich kürzlich zum Beispiel auf einer 6.000 km langen Fahrt nach Portugal unterwegs war, hatte ich keinen einzigen nennenswerten Fehler während der zweiwöchigen Reise. Das fand ich schon recht beeindruckend, da das System eben nur mit Kameras läuft. Ich bin zu 95% mit aktiviertem (Standard-)Autopilot auf den Autobahnen und Landstraßen gefahren. 

Das sind jetzt nur meine eigenen Erfahrungen und Eindrücke. Aber auch bei den offiziellen Überprüfungen haben die Tesla Modelle als die derzeit sichersten Fahrzeuge ihrer Klasse abgeschnitten. Kann man alles nachlesen wie zum Beispiel hier:

https://www.adac.de/rund-ums-fahrzeug/autokatalog/crashtest/sichere-autos-euroncap/

Es ist letztendlich auch eine Frage des Vertrauens, welches man in ein Fahrzeug hat. Bis zum Kauf meines ersten Teslas fuhr ich mehrere Volvos. Ich habe die Entwicklungen der Generationen der Assistenzsysteme mitgemacht. Eines Tages war es soweit und ich vertraute dem Volvo so weit, dass ich auf den regelmäßigen Fahrten nach Schweden auf der Autobahn fast ausschließlich mit Abstandsradar und Spurhalteassistent fuhr und entspannen konnte (natürlich immer so, dass ich jederzeit hätte eingreifen können).

Erst nach einiger Zeit gewann ich das gleiche Vertrauen in den Tesla (damals Model 3 mit Radar). Nach dem Wechsel zum Model Y (kamerabasierend, ohne Radar) hatte ich nach der ersten Fahrt nach Schweden das gleiche Vertrauen gewonnen und konnte meine Fahrt nach Portugal (insgesamt 6.000 Kilometer) in den vergangenen Osterferien zu 95% entspannt mit „Autopilot“ vollziehen. Es kam während der gesamten Reise zu keiner einzigen „Phantombremsung“ – dieses Problem scheint Tesla nun im Griff zu haben. 

👉 „Service Problem“

Den in der deutschen Presse oft beschrieben angeblich so schlechten Service kann ich persönlich nicht bestätigen. Egal ob vor Ort im Service Center oder beim mobilen Service – es hat immer alles super geklappt.

Man gibt einfach über die Tesla App sein Anliegen ein und kann sich einen Termin auswählen.

Beispiel im März diesen Jahres: Gestern Termin vereinbart, heute ist der sehr freundliche mobile „Tesla Ranger“ wie geplant an meiner Arbeitsstelle eingetroffen und bastelt unten auf dem Parkplatz an meinem Auto:

Nach getaner Arbeit erhält man in der App eine Rechnung (natürlich 0 Euro / Arbeiten im Rahmen der Garantie …) und der Vorgang ist somit abgeschlossen.

Sicher gibt es auch Fälle wo es bei Tesla nicht so reibungslos läuft, vielleicht habe ich nur Glück gehabt?

Meine Erfahrungen im Service Center Hannover und jetzt neuerdings in Bielefeld waren jedenfalls durchweg positiv, man war immer sehr zuvorkommend und konnte alle meine Anliegen lösen. Tesla kann Service.

👉 „Software Problem“

Die Autos von Tesla sind „rollende Computer“. Ich finde es faszinierend, wenn ich darüber nachdenke, was ich in den letzten vier Jahren alles – wohlgemerkt nach dem Kauf – an neuen Funktionen per Software Updates kostenlos erhalten habe. Das kann in dem Umfang kein anderer Hersteller. Man gibt in seiner App am Smartphone einfach kurz das Update frei und eine halbe Stunde später steigt man in ein Auto ein, welches zum Teil komplett weiterentwickelt ist.

Dass dabei natürlich auch mal etwas „verschlimmbessert“ wird und manche Kunden mit einzelnen Änderungen unzufrieden sind, liegt in der Natur der Sache.

Es ist wahrscheinlich Geschmacksache – ich freue mich immer über die Weiterentwicklungen und Veränderungen. Manch einem ist dies aber sicherlich nicht „geheuer“ und möchte lieber keine plötzlichen Veränderungen. Das kann ich verstehen. Nichtsdestotrotz sind die Änderungen in der Regel wirklich sinnvoll und gut. Und wenn nicht, wurde oft kurze Zeit später ein neues Update gemacht welches eventuelle Probleme behoben hat.

Ist immer alles toll mit der Software? Leider nein. Zum Beispiel war eine ganze Zeit lang die Scheibenwischerautomatik eine regelrechte Katastrophe. Inzwischen ist es deutlich besser geworden, jedoch kommt es trotzdem immer mal wieder zu Fehlern. So etwas kann und sollte man natürlich kritisieren, aber es sind für mich eher „Kleinigkeiten“, die nicht gut funktionieren.

Einfach klasse ist, dass alles ständig weiterentwickelt wird und man als Kunde die Verbesserungen kostenlos bekommt.

👉 „Elon Musk Problem“

Beispiel: Finde ich es gut, dass Elon Musk eventuell die Republikaner im Wahlkampf unterstützen wird? Nein. Aber es ist eine demokratische, nicht verbotene Partei in den USA. In einer Demokratie hat prinzipiell jeder das Recht seine Meinung zu äußern, egal ob „Oma Erna“ oder Elon Musk. Natürlich besteht ein Unterschied zwischen Oma Erna und Elon Musk. Letzterer hat eine deutlich höhere mediale Reichweite und dies ist durchaus ein Problem.

Ich persönlich fände es zwar geschickter und angenehmer, wenn Musk sich zurückhalten würde und wie zuvor eher unparteiisch und neutral wäre. Aber ich kann es nicht ändern und muss es hinnehmen. Wenn es mir langfristig nicht passt, wie der Mann sich politisch äußert, kann ich mich jederzeit entscheiden ggf. keinen weiteren Tesla zu kaufen. Aber muss ich mich jetzt im Moment dafür schämen einen Tesla zu fahren, wenn Elon Musk mal wieder irgendeinen Mist twittert? Für mich ist es noch nicht soweit damit und ich freue mich jeden Tag über das tolle Auto wenn ich einsteige.

👉 Aktuell: „Tesla Files“

Ich bin gespannt was sich mit diesen „Enthüllungen“ entwickelt und welche relevanten Dinge wirklich ans Tageslicht kommen werden. Dass scheinbar Unterlagen dabei sind, wo Fehler beim Autopiloten dokumentiert sind, finde ich erst einmal überhaupt nicht verwunderlich. Natürlich wird das dokumentiert und für die stetige Weiterentwicklung genutzt.

Dass in dem Unternehmen natürlich nicht alles und jederzeit „glatt“ läuft und nicht nur eine „Friede Freue Eierkuchen“ Mentalität besteht, ist hinlänglich bekannt. Die Frage ist, ob illegale „Machenschaften“ aufgedeckt werden, oder ob es einfach nur ein riesiger Datenwust mit Dokumentationen über einzelne Problemfälle usw. ist. 

Werden bei der Berichterstattung auch die Fortschritte und gerettete Menschenleben durch die Systeme genannt, oder nur verschiedene Fehler der Vergangenheit?

Ich habe mir extra das Abo vom Handelsblatt gekauft und den ersten jetzt dazu erschienen Artikel gelesen „Mein Autopilot hat mich fast umgebracht“.

Mein Fazit: Es werden einzelne Beispiele mit Unfällen bei aktiviertem Autopilot aus den vergangenen Jahren aufgeführt. Bei Millionen verkaufter Autos und ich weiß nicht wie vielen Millionen weltweit gefahrener Kilometer pro Jahr wirken die im Artikel genannten „1.000 bei Tesla dokumentierten Problemfälle bzw. Unfälle“ auf mich eher wenig. Längst ist nicht klar, ob jeder der Unfälle allein durch den Autopiloten verschuldet war, es gibt viele Mutmaßungen. Wie viele Kilometer hingegen durch Tesla Assistenzsysteme unfallfrei absolviert wurden und wie viele Unfälle tatsächlich vermieden wurden, darauf wird im Artikel leider nicht eingegangen. Zahlen dazu hier:

https://www.tesla.com/de_de/VehicleSafetyReport

Zitat:

Im 4. Quartal verzeichneten wir einen Unfall pro 4,85 Millionen gefahrene Meilen, auf denen die Fahrer die Autopilot-Technologie verwendeten. Für Fahrer, die die Autopilot-Technologie nicht nutzten, verzeichneten wir einen Unfall pro 1,40 Millionen gefahrene Meilen. Zum Vergleich: Die neuesten verfügbaren Daten von NHTSA und FHWA (ab 2021) zeigen, dass es in den USA etwa alle 652.000 Meilen zu einem Autounfall kam.

Generell konnte ich dem Artikel vom Handelsblatt keine bahnbrechenden neuen Erkenntnisse zum Thema Tesla abgewinnen.

Kommt da noch was oder war es das schon, was anhand 100GB „gestohlener“ Daten herausgefunden werden konnte?

https://www.handelsblatt.com/unternehmen/industrie/elektromobilitaet-mein-autopilot-hat-mich-fast-umgebracht-tesla-files-naehren-zweifel-an-elon-musks-versprechen/29166564.html

Eine klasse Analyse aller Details bzgl. der Story im Handelsblatt kann man in dem Video erhalten:

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Wie erwähnt, auch ich prangere das Marketing von Tesla an, dass sie seit Jahren versprechen mit dem Kauf von „FSD / Volles Potenzial für autonomes Fahren“ den Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen, ohne zu wissen ob und wann die Funktion wirklich kommt. Darüber kann und sollte man tatsächlich kritisch berichten. Auf den Rest bin ich gespannt. Es klang in den Ankündigungen zum Artikel jedenfalls so, als hätte man Sachen in der Hand, die Tesla quasi zu Fall bringen könnten. Davon ist bisher noch nichts zu sehen.

👉 „Kann man Tesla weiterhin unterstützen, oder nicht?“

Ansonsten ist Tesla meiner Meinung nach unterm Strich eine gute und vor allem innovative Firma, die u.a. Fahrzeuge herstellt. Zusätzlich zu den Autos haben sie ein ganzes Ökosystem für den Fortschritt der erneuerbaren Energien geschaffen (Batterieproduktion, weltweites Superchargernetzwerk, Heimspeicher, Solardächer, Megaspeicher für das Stromnetz, eigene Rohstoffgewinnung usw.) und wollen laut des „Masterplan Teil 3“ nichts anderes als weltweit den Umstieg von endlicher(!) fossiler Energien hin zu erneuerbaren Energien unterstützen und umsetzen.

https://www.tesla.com/de_de/blog/master-plan-part-3

Wer das nicht mitbekommen hat – gerne mal die Keynote anschauen, wo vor einigen Monaten wo der „Masterplan Part 3“ erläutert wurde.

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Warum meine Entscheidung für Tesla?

Ich hatte mich damals vor knapp fünf Jahren bei der Sichtung des Marktes für Tesla entschieden, da mit keinem anderen Hersteller so problemlos Langstrecken möglich waren. Ich muss familiär bedingt oft nach Schweden und wollte beim Wechsel vom damaligen Verbrenner-Volvo auf Elektro sicher gehen, dass ich problemlos die regelmäßige 900 km lange Reise machen kann.

Meine jahrelangen Praxiserfahrungen haben dies bestätigt und ich bin und bleibe zufrieden. Jeder kann für sich natürlich überlegen, ob er es eventuell nicht mit seinem Gewissen vereinbaren kann, einen Hersteller zu unterstützen an dem Elon Musk große Anteile hat. Für mich hat das (noch?) keine so große Relevanz, dass ich Tesla nicht mehr empfehlen könnte oder mir keinen weiteren Tesla mehr kaufen würde.

Mir ist es allemal persönlich lieber, wenn durch Teslas Effizienz bei der Fertigung der weltweite Umstieg von Verbrennern schneller vollzogen werden kann, als würden die Menschen weiterhin viele neue Verbrenner kaufen. Aber ich freue mich natürlich auch, wenn alle anderen Hersteller gute vollelektrische Fahrzeuge herstellen und diese eine große Verbreitung finden.

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