08. Juni 2026

Mit 74 macht Rosi Ernst: Gastherme raus, Wärmepumpe rein

Wie meine 74-jährige Schwiegermutter ihr Eigenheim Baujahr 1981 dekarbonisiert – und warum das mehr über dieses Land aussagt als die halbe Energiedebatte.

Ich beschäftige mich seit über fünfzehn Jahren mit der Energiewende, beruflich wie privat. Erdwärme-Wärmepumpe seit mehr als vierzehn Jahren, PV mit Speicher, dynamischer Stromtarif, ein Hauskraftwerk, das mitdenkt, und inzwischen rund 250.000 elektrische Kilometer über fünf Fahrzeuge. Man könnte sagen: Ich bin Wiederholungstäter.

Umso schöner ist es, wenn jemand neu dazukommt, von dem es kaum jemand erwartet hätte. Meine Schwiegermutter Rosi ist 74. Und sie steckt mittendrin in ihrer eigenen Energiewende.


Phase eins: erst der Strom

Angefangen hat es vor zwei Jahren mit einer PV-Anlage auf dem Dach, einem Batteriespeicher im Keller und einem Energiemanagement, das die beiden zusammenspielen lässt. Kein Riesenprojekt, kein wochenlanges Grübeln – einfach gemacht.

Das ist, nebenbei, der vernünftige Einstieg. Erst die eigene Stromproduktion, dann die Verbraucher, die diesen Strom sinnvoll nutzen. Wer das in dieser Reihenfolge denkt, baut sich Schritt für Schritt ein System, in dem jede neue Komponente die vorherige aufwertet.


Phase zwei: die Gastherme fliegt raus

Jetzt kam Phase zwei. Die alte Gastherme ist raus, eine Luft-Wasser-Wärmepumpe hat übernommen.

Und hier wird es interessant, denn das Haus stammt aus dem Jahr 1981 und musste für die Wärmepumpe nicht extra gedämmt werden. Genau an dieser Stelle setzt das Argument an, das einem in jeder Diskussion entgegenschlägt: „Wärmepumpe im Altbau? Geht nur mit Vollsanierung, sonst frierst du oder gehst an den Stromkosten zugrunde.“

Das ist ein Mythos. Und es ist einer, der sich inzwischen sauber widerlegen lässt.

Das Außengerät der Wärmepumpe ist fertig montiert.

Was die Daten sagen

Das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) hat in seinem Projekt „WP-QS im Bestand“ über vier Jahre hinweg 77 Wärmepumpen in echten Wohnhäusern vermessen – Ein- bis Dreifamilienhäuser, Baujahre von 1826 bis 2001. Rosis Haus aus den 70ern liegt also mitten im Untersuchungsfeld.

Die Ergebnisse, Ende 2025 final veröffentlicht:

  • Luft-Wasser-Wärmepumpen erreichten im Schnitt eine Jahresarbeitszahl (JAZ) von 3,4. Heißt: Aus einer Kilowattstunde Strom werden 3,4 Kilowattstunden Wärme.
  • Erdgekoppelte Anlagen lagen im Mittel bei 4,3, die Gesamtspanne über alle Anlagen bei 2,6 bis 5,4.
  • Die CO2-Emissionen lagen 2024 rund 64 Prozent unter denen einer Erdgasheizung – und dieser Wert verbessert sich automatisch weiter, je grüner der Strommix wird.

Der entscheidende Befund steckt aber in einem einzigen Satz: Eine Korrelation zwischen Baujahr des Gebäudes und Effizienz der Anlage ließ sich nicht feststellen. Das Alter des Hauses spielt für die Effizienz eine untergeordnete Rolle. Entscheidend sind Planung, Auslegung und eine saubere Installation – nicht das Baujahr.

Und das beliebte Frost-Argument? In der kältesten Messperiode des Projekts (Februar 2021, im Mittel –3,6 °C, einzelne Anlagen bei –10 °C) lag die JAZ immer noch bei 2,3. Selbst unter diesen Bedingungen lieferten die Geräte mehr als doppelt so viel Wärme, wie sie an Strom verbrauchten.

Ich kann das aus eigener Erfahrung unterschreiben. Meine Erdwärme-Wärmepumpe läuft seit über vierzehn Jahren, durch jeden Winter. Die Technik ist kein Experiment mehr. Sie ist erprobt, langweilig und zuverlässig – und das ist als Kompliment gemeint. Inzwischen haben wir im Laufe der Jahre mit unserer Wärmepumpe ca. 350.000 kWh Erdgas eingespart!


Phase drei: das Auto

Der nächste Schritt steht schon fest: Wallbox und E-Auto statt Verbrenner.

Auch hier kann ich beruhigen, bevor die üblichen Einwände kommen. Ich fahre seit zehn Jahren elektrisch, aktuell einen VW ID. Buzz, davor vier weitere Fahrzeuge, zusammen die erwähnten 250.000 Kilometer. Reichweitenangst, Ladechaos, „das kann man doch nicht im Alltag fahren“ – all das löst sich in dem Moment auf, in dem man es einfach tut. Und mit PV, Speicher und Wärmepumpe im Haus wird das Auto zum logischen letzten Baustein: Der eigene Sonnenstrom tankt das Auto, das Auto wird Teil des Energiesystems.


Der unterschätzte Baustein: Smart Meter und dynamischer Tarif

Eine Sache machen Rosi und ihr Lebensgefährte Wolfgang, die die allermeisten in diesem Land noch vor sich haben: Sie nutzen einen Smart Meter samt dynamischem Stromtarif.

Das klingt unspektakulär, ist aber der Hebel, der das ganze System erst richtig wirtschaftlich macht. Ende 2025 hatten gerade einmal rund 5,5 Prozent aller Messstellen in Deutschland ein intelligentes Messsystem. Wir reden hier also nicht über Mainstream, sondern über die Vorhut.

Wer einen dynamischen Tarif fährt, zahlt für Strom das, was er an der Börse gerade wirklich kostet – stündlich. Und an immer mehr Stunden im Jahr ist das wenig, manchmal sogar negativ. Genau dann lädt das Auto, läuft die Wärmepumpe auf den Speicher, füllt sich die Batterie. Ich erlebe das mit meinem eigenen Hauskraftwerk seit Jahren: Das System verschiebt Verbrauch in die günstigen Fenster, ganz von selbst. Aus „Strom verbrauchen“ wird „Strom einkaufen, wenn er billig ist“. Das ist der Unterschied zwischen einer Anlage, die nur Strom zieht, und einem System, das mitdenkt.


Mein Anteil daran

Dass die Wahl bei Rosi und Wolfgang auf das New-Energy-Startup 1KOMMA5° gefallen ist, war kein Zufall. Ich durfte als Schwiegersohn im Hintergrund ein bisschen mitberaten. Gesteuert wird das Zusammenspiel aus PV, Speicher, Wärmepumpe und dynamischem Tarif jetzt über deren Energiemanager Heartbeat. Genau das, was ich oben beschrieben habe – Verbrauch dann, wenn der Strom günstig und grün ist – passiert dort automatisiert im Hintergrund.

Und während das alles passiert …

… streitet das Land über genau diese Technik.

Wir haben eine Wirtschafts- und Energieministerin, Katherina Reiche, die öffentlich das Ende des vermeintlichen „Zwangs zur Wärmepumpe“ fordert und die Energiewende-Pläne der Vorgängerregierung für „völlig überzogen“ hält. Das verunsichert Hausbesitzer, Heizungsbauer und Kommunen – und es steht in einem bemerkenswerten Kontrast zu dem, was in Tausenden Häusern längst Realität ist.

Während also auf höchster politischer Ebene Zweifel gesät werden, wirft eine 74-Jährige ihre Gastherme raus und baut sich ein modernes, effizientes Energiesystem ins Haus. Die Frage, die sich mir dabei aufdrängt: Ob Katherina Reiche das wohl gefällt? 😉

Energiewende ist eine Entscheidung

Ich finde es toll und mutig, wenn sich nicht nur die junge Generation auf den Weg macht. Wer mit 74 die Gastherme rauswirft, beweist, dass die Energiewende eben keine Frage des Geburtsjahrgangs ist. Sie ist eine Entscheidung.

Man braucht keine perfekte Sanierung, kein Vermögen und kein Technik-Studium. Man braucht eine vernünftige Reihenfolge, einen guten Fachbetrieb und die Bereitschaft, anzufangen. Den Rest erledigen die Daten – und in Rosis Fall demnächst auch das Auto in der Einfahrt.

Stark, Rosi. 💪


Quellen und Weiterlesen: Fraunhofer ISE, Pressemeldung „Wärmepumpen heizen auch im Altbau klimafreundlich“ (November 2025) sowie das Forschungsprojekt „WP-QS im Bestand“. Smart-Meter-Quote: Stand Ende 2025.


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Ein Beitrag von Tobias Heinze
Ich versuche meinen persönlichen Fußabdruck immer kleiner werden zu lassen und mit meiner Familie möglichst „fossilfrei“ und umweltschonend im Bereich Wohnen, Mobilität, Urlaub und Ernährung zu sein.

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